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Erstellt am 13.12.2010

Äthiopien – das Dach Afrikas (die historische Route)

Äthiopien hat mich persönlich sowohl landschaftlich als auch von den Menschen her tief beeindruckt und ich kann eine Reise dorthin wärmstens empfehlen, sofern man gewillt ist, auf Komfort zu verzichten. Denn derzeit ist zwar eine gewisse Infrastruktur vorhanden und auch weiter im Aufbau begriffen. Dennoch ist eine Reise durch das Land, sofern man nicht per Flugzeug von Ort zu Ort jettet, mit viel Fahrerei verbunden, mit noch mehr Staub unterwegs und mit Hotels, die einige Mängel aufweisen. Die Entschädigung dafür liegt in der Einzigartigkeit des Landes, die mit keinem anderen zu vergleichen ist. Deshalb kann man es auch nur schwer beschreiben; dennoch will ich es versuchen:

Die beste Reisezeit sind die Monate Oktober, November, (Februar), März und April. Davor und danach ist es zu heiß, zu kalt oder zu nass. Ich war in Nordäthiopien (die historische Route) unterwegs – wie schon so oft aus Überzeugung mit Studiosus. Da bin ich mir sicher, dass die bestmöglichen Hotels gebucht sind und des Weiteren die Fahrstrecken in bequemen Landcruisern und nicht in einem Bus erfolgen. Außerdem sind mir persönlich umfassende und erschöpfende Informationen über „meine“ Reiseländer wichtig. Ganz besonders, wenn es sich um ein solch geschichtsträchtiges Land handelt.

Nicht zu Unrecht wird Äthiopien „das Dach Afrikas“ genannt. Denn es ist eines der höchst gelegenen Länder des afrikanischen Kontinents. Die Hälfte der Gesamtfläche, die übrigens etwa das Dreifache von Deutschland beträgt, liegt höher als 1200 Meter und erreicht über 4500 Meter. Die Hauptstadt Addis Abeba liegt bereits auf 2370 Metern Höhe.

Bekannt ist auch der „Große Afrikanische Grabenbruch“. Ein gigantischer Riss in der Erde, der in vielen Millionen Jahren das Land auseinander reißen wird. Da, wo die Erde unablässig auseinander driftet, werden immer wieder spektakuläre prähistorische Funde gemacht. Der bekannteste ist das weibliche Skelett eines kleinen, etwa 1 Meter großen Wesens, das als Bindeglied zwischen Affen und Menschen gilt und bereits den aufrechten Gang kannte. Die Rede ist von „Lucy“, die vor ungefähr dreieinhalb Millionen Jahre gelebt hat.

Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit mehr als 80 ethnischen Gruppen, die von wenigen Hundert bis zu mehreren Millionen reicht. Die größten Gruppen leben im Norden. Das sind die Amharen, gefolgt von den Oromos, den Tigre, den Somalis und den Afra. Etwa 85% aller Äthiopier leben auf dem Land. Die sozialen Strukturen gleichen auch in den großen Städten der ländlichen Lebensform, bei der die Familie im Zentrum steht.

Es werden etwa 83 Sprachen und über 200 Dialekte gesprochen, die sich in drei Sprachgruppen unterteilen: Amharisch (das ist die Amtssprache), Tigrisch und Aramäisch. Jedes amharische Schriftzeichen, von links nach rechts geschrieben, steht für eine Silbe, die aus einem Konsonant und einem Vokal besteht. Die Vokale werden als Kringel oder Haken an den Konsonanten angehängt.

Die Straßen in Äthiopien sind im Großen und Ganzen ziemlich schlecht. Sand- und Schotterpisten, tausendfach geflickte Teerdecken, Löcher, Kanten, Risse, nimmer enden wollende Steigungen und unzählige Kurven durchziehen das Land. Mit einem Geländewagen unterwegs zu sein, ist zwar nicht unbedingt notwendig, aber auf jeden Fall empfehlenswert.

Neben den motorisierten Verkehrsteilnehmern kommen überall Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Rinder mit spitzen Hörnern, Ochsen und Kamele dazu. Und eine unermessliche Anzahl von Eseln, die in großen Herden meist die ganze Straßenbreite einnehmen. Dass die lange Strecke, die man als Tagesetappe vor sich hat, noch mehr Zeit in Anspruch nimmt als eingeplant, liegt  oft an den Touristen, die just dann aus dem Fahrzeug springen, wenn „so richtig was los ist“. Und sobald ein Reiseteilnehmer fotografiert, wollen alle anderen auch. Und schon sind auch Einheimische da, die – wo immer sie so schnell hergekommen sein mögen – auch gleich ein bisschen „smalltalken“, etwas verkaufen und in den letzten Jahren auch zu betteln beginnen. „Give money“ ist eine oft gestellte Frage, die ein einfältiger Reisende mit „have not“ zu beantworteten wusste und ab sofort nicht mehr weiter behelligt wurde.

Durch die kontinuierliche Präsenz des Christentums, das etwa 300 n. Chr. in Äthiopien Einzug hielt, entstanden die weltweit einzigartigen Felsenkirchen. Kaiser Lalibela ließ im gleichnamigen Ort im 13. Jahrhundert 11 Kirchen dieser Art errichten. Deshalb kann man die Kleinstadt Lalibela als das Juwel jeder Äthiopienreise bezeichnen!

Es handelt sind um Kirchen, die im Ganzen aus dem Fels (roter Basaltlava) geschlagen wurden. Der Sage nach haben Engel geholfen, diese Wunderwerke zu vollbringen. Beinahe könnte man es glauben! Die bekannteste von ihnen ist die in Kreuzform gearbeitete Kirche des Heiligen Georg. 

Manche Kirchen sind durch schmale Gassen miteinander verbunden und durchwegs sehr beeindruckend.

Die UNESCO würdigte die Felsenkirchen mit dem Titel des Weltkulturerbes. Da sie ungeschützt der Witterung ausgesetzt sind, werden sie in jüngster Zeit nach und nach überdacht. Diese Maßnahme leuchtet jedem Besucher ein – jedoch verschandeln die Gerüste und Dächer das Gesamtbild enorm. Ästheten sind darüber ganz besonders unglücklich und Fotografen sowieso.

Mit „13 Monaten Sonnenschein“ wirbt das Land um Besucher. Und tatsächlich hat Äthiopien einen eigenen Kalender, der aus 12 Monaten je 30 Tagen und einem zusätzlichen 13. Monat mit 5 oder 6 Tagen besteht. Dementsprechend tickt die Uhr in Äthiopien auch anders als bei uns: Der Tag beginnt morgens um 06:00 Uhr unserer Zeit. Das ist dann in Äthiopien ein Uhr. Der Tag hat 12 Stunden und endet dann nach unserer Zeit um 18:00 Uhr. Da ist es dann nach äthiopischer Zeit 12 Uhr. Verabredungen sollten tunlichst auf eine Zeiteinheit festgelegt werden…..

Die Stadt Axum, nahe der Grenze zu Eritrea, gehört zu den sehenswerten Orten, die auf der „historischen“ Route besucht werden. Hier soll die legendäre „Königin von Saba“ gelebt haben, aus deren Verbindung mit König Salomon ihr Sohn Melenik hervorging. Er soll es gewesen sein, der die heilige Bundeslade aus Jerusalem gestohlen und sie nach Axum gebracht hatte. In farbenprächtigen Prozessionen wird das jährliche „Timkatfest“ ihr zu Ehren gefeiert. 

Zwischen 300-500 n. Chr. stand das axumitische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Von den Feldzügen des Königs Ezna zeugen heute noch gigantische Obelisken, die als Ensemble zentral in der Stadt in dem so genannten „Stelenpark“ (Weltkulturerbe) besichtigt werden können. Sie sind bis zu 33 Meter hoch und präsentieren sich sowohl stehend in voller Höhe, als auch liegend und in mehrere Teile zerbrochen. Sie symbolisierten die Häuser der Toten und sind mit Scheintüren und Scheinfenster versehen.

Zwischen Axum und dem Tanasee liegt das Semiengebirge, das wegen seiner einmaligen Schönheit und seiner vielfältigen Flora und Fauna von der UNESCO in die Liste der Weltnaturerbe aufgenommen wurde. Tiefe Abgründe, Schluchten, zerklüftete Bergspitzen und fantastische Felsformationen zeichnen ein dramatisches Landschaftsbild. Der Weg durch das Gebirge ist kurvenreich und spektakulär. An jeder Kurve möchte man stehenbleiben und über das Wunderwerk der Schöpfung staunen. Die unzähligen Bergkuppen, Gipfel und Basaltkegel erwecken den Eindruck, als würden hier die Götter zum Schachspiel antreten. So zumindest erzählen es uralte Legenden.

Hier bieten diverse Reiseveranstalter Wander- und Trekkingreisen an. Diese Form des Reisens erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Speziell hier in Äthiopien ist die Landschaft noch unverfälscht und ungezähmt. Die Wanderungen bzw. Trekkingtouren sind jedoch anstrengender als anderswo, denn man befindet sich zwischen 2500 und 3500 Höhenmetern. Die Luft ist zumeist staubtrocken und erschwert das Atmen. Ein wenig Akklimatisierung vor der körperlichen Anstrengung ist schon erforderlich. Also nicht gleich raus aus dem Flieger und losmarschiert!

Man begegnet auf einer Reise durch Äthiopien vielfach Männern mit Trade-Locken und gehäkelten Mützen. Die kennt man schon – allerdings aus Jamaika. Was haben diese Rastafari aus Jamaika mit den Äthiopiern zu tun?

Eine bizarre Geschichte: In den dreißiger Jahren entstand die Vorstellung, dass der Kaiser von Abessinien, Ras Tafari, der spätere Herrscher Haile Selasse (wörtlich übersetzt „Macht der Dreifaltigkeit“) der Messias sei. Von Äthiopien aus begann also die Bewegung des „Rastafarianismus“ mit ihrer ganz besonderen Lebensphilosophie, die zur Genügsamkeit mahnt und mit Trommeln, Gesängen und lauter Musik einhergeht. Die langen Tradelocks drücken die Verbindung zwischen Menschen und Gott aus. Der bekannteste Rastafari war Bob Marley.

Das Nationalgericht der Äthiopier ist ein großes rundes Fladenbrot, das „Injera“ genannt wird. Es besteht aus „Teff“, einem hirseartigen Getreide, das zu einem dicken Brei angerührt wird. Dann muss der Teig gären, wird anschließend auf eine runde, heiße Metallplatte gegossen und ein geflochtener Deckel wird draufgesetzt. So entsteht kein knuspriger, sondern ein elastischer Fladen, der mit diversen Gemüsearten, Soßen und Fleisch belegt wird. Durch den Gärprozess schmeckt der Fladen ein wenig säuerlich. Und da das Teff eine senfgelbe Farbe hat, ist auch der Fladen dunkler als das uns bekannte orientalische Fladenbrot. „Injera“ wird auf einem geflochtenen Korb angerichtet, um den dann mehrere Personen sitzen und gemeinsam, jeweils mit der rechten Hand, vom Fladen rupfen.

Für Touristen wird in den wenigen Hotels, die für eine Rundreise in Frage kommen, beinahe nach europäischem Standard gekocht: Spaghetti mit Tomatensoße ist allgegenwärtig, Reis, Kartoffeln, Gemüse, Rindfleisch, Fisch, Suppen und Salate gängig. Die Getränke sind spottbillig, ein Cola kostet umgerechnet etwa 0,30 €. Insgesamt ist Äthiopien für unsere Verhältnisse in allen Bereichen vor Ort extrem günstig. Die Währungseinheit heißt Birr.

Das äthiopische Hochland ist weltbekannt für seinen Kaffee. Von hier aus trat er seinen Siegeszug um die Welt an. Doch während wir täglich unseren Kaffee gedankenlos und Literweise vollautomatisierten Maschinen entnehmen, wird in Äthiopien die Zeremonie des Kafferöstens, des Kaffebrühens und des Kaffeetrinkens zelebriert. Die beinahe feierliche Handlung dauert etwa eine halbe Stunde, bis der frischgeröstete Kaffee in Mörsern zerstoßen, aufgebrüht und in kleine Tässchen verteilt ist. Köstlich duftende Aromawölkchen erfüllen die Luft und verführen sogar eingefleischte Teetrinker zu einem Schluck, denn mehr als ein Schluck ist es kaum.

Studiosus unterstützt in Äthiopien mehrere Sozialprojekte. Das sind ein Waisenhaus, eine Dorfschule und eine Frauenkooperative. Alle drei Projekte geben uns einen Einblick in den Alltag der Menschen, deren Probleme und Hoffnungen. Es ist uns ein Bedürfnis, die Menschen zu unterstützen. Großzügig werden die umgetauschten Birr gegeben. Es sind auch einige Dollarscheine unter den Spenden.

Unsere Reiseleitung ist klasse! Eine weitgereiste, kluge Frau mit großen Herz. Auf unserer Fahrt durch das Land vollbringt sie "direkte Entwicklungshilfe": Immer wieder kaufen wir Obst oder Gemüse und schenken es bedürftigen Menschen, die wir unterwegs treffen. Und es macht uns Touristen stolz, ihnen etwas geben zu können, was sie tatsächlich benötigen.

Keiner von uns kommt auf die Idee, Kugelschreiber, Kaugummis oder Gummibärchen zu verteilen. Aber es macht uns auch nachdenklich. Wie dankbar können wir sein, in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen! Warum nur sind wir immer wieder unzufrieden in unserem eigenen Land? "Wir nörgeln auf hohem Niveau" hat einmal ein Kunde zu mir gesagt. Und er hat absolut recht!  

Nach 14 Tagen endet unsere Reise mit dem Rückflug nach Deutschland. Die Maschine der Ethiopian Airlines ist ausgebucht – lauter Touristen. Man hat dieses Land seit wenigen Jahren als Reiseziel entdeckt. Noch ist es ursprünglich, die Menschen voll natürlicher Anmut und die Natur noch weitestgehend intakt. Aus Erfahrung fragt man sich: Wie lange noch? Deshalb lautet mein Tipp: Falls Sie sich für Äthiopien interessieren, bereisen Sie es so schnell wie möglich!








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